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Leseprobe


"Bittere Erkenntnis" von Horst Christensen

Montag, 1. Juni 1987 Erster Tag, Ankunft Auf dem Kalenderblatt des Tages steht: Internationaler Tag des Kindes. Mich kümmert es nicht was heute für ein Tag ist, ich habe dafür keine Gedanken. Ich bin maßlos wütend über mich, weil ich die halbe Flasche Goldkrone in den Ausguss geschüttet habe, ich Idiot! Und es wurmt mich, dass es so ein hundsmiserables beschissenes Wetter ist. Kalter Wind mit, Regen vermischt pfeift an den Scheiben unseres Fahrzeuges vorbei. Zäh suchen sich die an die Scheiben geklatschten Regentropfen, durch den Fahrtwind an das splitterfreie Glas gepresst, ihren Weg zum Türrahmen, wo sie endlich abfließen können. Nervös und stark zitternd beobachte ich, dass sich immer wiederholende Spiel.

Beinahe ist mir, als sagt jemand: "Komm nur, wo du hinfährst sieht es nicht viel anders aus wie hier vor deinen Augen, nur ein wenig schlimmer!" Angst kriecht in mir hoch und alle Glieder schmerzen heute komischer Weise. Ich versuche eine bequemere Stellung im Autositz zu bekommen, es gelingt nicht. Quälende Übelkeit drängte mich zu sagen: "Halte mal an Hans ,ich muss raus!" Ist es die Übelkeit, die mich zwingt, das Halten zu fordern? Nein, einsetzende Entzugserscheinungen beginnen ihr grausames Werk. Der Alkoholspiegel geht auf Null! Jetzt einen Schluck Schnaps, irgend etwas alkoholisches, keine besondere Sorte, nur etwas, was diesen Zustand, diese Übelkeit, diese Angst, dieses Flattern der Hände und das entsetzliche Fliehen des ganzen Körpers aufhören lässt! Weiß ich doch, dass nur der Alkohol die richtige, die beste Medizin ist, die mir es wieder gut gehen lässt. Jawohl, nur einen Schluck, und mir wird es besser gehen. Aber wie sollte ich nur jetzt dazu kommen? Mich jagt der Entzug! Warum habe ich mir für den "Notfall" nur keinen Flachmann eingesteckt? Ich Kamel, jetzt habe ich den Schlamassel! Hoffentlich hält Hans an einer Raststätte, mir würde schon wieder was einfallen, um aus dieser Umklammerung raus zukommen! Hat doch bisher immer geklappt. Nur in diese Richtung fliegen meine Gedanken, an nichts anderes denke ich!

Gleichmäßig und monoton flitzen die Begrenzungsstreifen auf der Betonpiste unter meinem Fenster vorbei. Unentwegt hämmern in meinem Kopf noch die Worte, die der Arzt am Freitag in der Sprechstunde sagte: "Sie sind alkoholkrank, sind abhängig! Sie müssen jetzt - und nicht später zur Entziehungsbehandlung! Sie befinden sich in höchster akuter Gefahr! Nicht zuletzt wegen Ihrer Herzgeschichte. Bedenken Sie, was Sie aufs Spiel setzen!" Auch, dass Helga mich zu diesem Entschluss überredet hat, doch endlich etwas gegen diese "Krankheit" zu tun, diese Worte verstärken den Druck in meinem Schädel. Nur dieser Entschluss wirkt nun schon seit Freitag in Form des zunehmenden Entzugs. Fast, vor 3 Monaten als man mir riet, nach Berlin zu einer Aufnahmeberatung zu fahren und ich auch wirklich fuhr, dachte ich noch mit keinem Gedanken daran, dass ich dieser Aufforderung, eine Therapie zu machen, Folge leisten würde ! Für mich war das eine Flucht nach vorn, ja eine geglückte sogar! Nur alles mögliche machen, aber nur zum Schein, damit die Frau, die Familie, die Kollegen, ja alle die immer recht haben, einfach Ruhe geben! Damit sie erkennen, dass "er" ja willig ist! Zeit gewinnen das wollte ich. Alle anliegenden Probleme einfach mit scheinbarer Einsicht vertuschen und dann sehen wir weiter! Ist das Formelle erst mal erledigt, dann komme ich schon wieder den Befehlen des Ersten, dem Gott der Götter, dem König Alkohol nach. Koste es was es wolle! Aber ich glaube, vor einem Jahr war doch schon eine meiner noch vernünftigen Hirnzellen so mutig, die herannahende Gefahr, zu signalisieren! Immer öfter war da die Frage "warum bin ich so anders, trinke ich anders als andere?" Doch noch hatte mich der Erste in seinen Klauen, in seiner Macht. Ich kam nicht von ihm los! Wie lange noch?

Ein Parkplatz bietet sich an zum Halten und reißt mich aus meinen Gedanken. Das Fahrzeug bremst scharf und drückt mich ziemlich derb an den Fahrersitz. "Wieso hältst du hier?" frage ich leicht wütend. Von vorne keine Antwort. Hätte ich nicht von Hans gedacht, dass er hier hält. Mitten im Wald. Ist das Absicht? Ich wage nicht zu fragen. Was mache ich nur, keine Chance an Stoff heran zukommen. Das Zittern wird immer schlimmer. Beim Aussteigen falle ich beinahe auf die Straße, so hat mich der Entzug in der Mache. Unbemerkt kann ich mich gerade noch abfangen. "So eine Scheiße! " fluchend stelle ich mich zu den Anderen. Gierig ziehe ich die nasskalte Luft in mich rein. Das tut gut für den Moment. Jetzt einen Hieb! Nein, keine Möglichkeit zum Abhauen. "Idioten" murmle ich in mich hinein. Rundrum nur Wald, Hügel, Wald, Wind und scheiß Wetter. Verfluchter Mist, Mist, Mist...

Ab und zu rasen Fahrzeuge in Richtung Berlin an uns vorbei, sieht keiner meine Not? Schnitten werden gereicht. Ich habe keinen Appetit. Nur einen riesigen Jieper auf einen kräftigen Schluck. Aber wie und wo? Verdammt ? Nur einen Schritt von den anderen weg drehe ich mich um und lasse mein Wasser ab. Hätte ich sonst nie gemacht. Ist nicht meine Art. Sollen sie doch vorwurfsvoll gucken. Mir ist das doch egal. Juckt mich nicht. Habe dafür keine Gefühle. Wieder das Angebot zum Essen, "Nein ich will nicht, könnt ihr das nicht kapieren!", erwidere ich gereizt. Ich habe wirklich keinen Appetit, habe ihn nie in so einer Phase. Jeder Bissen würde den Brechreiz ,der sowieso schon da ist, nur noch verschlimmern. Ein Schluck trinken, ja das wäre das Richtige, das würde mich wieder hinbiegen, dann wäre mein Zustand bestimmt besser als jetzt. Dann würde ich mich auch bestimmt am Gespräch während der Fahrt beteiligen. Aber so? Ich bin gereizt und wütend. Will meine Ruhe. Ich krieche in mich rein! Endlich geht die Fahrt weiter. Berlin 104 Km. steht auf dem Hinweisschild. 104 Km., ist das nah oder weit vom Ziel? Was interessiert mich das, am Kilometer "Null" beginnt für mich etwas, von dem ich noch keine Ahnung, keine Vorstellung habe. Oder doch? Am Kilometer "Null", steht für mich ein großes Fragezeichen! Verschwommen taucht die Stadt aus der trüben und dämmrigen Landschaft vor uns auf. Erschrocken registriere ich das Schild in Fahrtrichtung mit der Aufschrift - Psychiatrisch- Neurologische- Klinik- Berlin. Abfahrt 500 Meter. Das Ziel ist erreicht! Der Wagen steht. Motorstille. Schweigen! Langes Schweigen! Nur der Wind, der den Regen auf das Autodach prasseln lässt verrät, dass wir endlich angekommen sind. Höhnisch scheint mich das spärlich beleuchtete Gebäude der Aufnahme anzuschauen und mir ist als sagt die Stimme aus dem Auto: " Na endlich, ich warte schon auf dich! Na wie gefällt dir dieser Anblick?"

Angst schleicht in mir hoch und mir wird stark übel. Nur nicht jetzt schlapp machen! Hast doch durchgehalten. Lass es die anderen nicht sehen, wie es um dich steht. Jetzt nur noch bis zur Aufnahme, gleich hast du es geschafft! Was geschafft? Blitzschnell schießen mir die Worte durch den Kopf - Alkoholkrank, Säufer, Schnapsdrossel, Assi, Behandlung, Entziehungskur, Säuferheilanstalt, Irrenhaus!

Wo bin ich? Wer bin ich ? Bin ich hier richtig? Auf was habe ich mich da eingelassen? Beruhigend legt Helga den Arm um mich und ist mir beim Aussteigen behilflich. Vor uns das Haus mit dem Namensschild "3 A" , Aufnahmestation für Alkohol und Drogenkranke" Mich blendet dieses Schild beinah!

DROGENSÜCHTIGE.

Das war nun der Ort, der von nun an für vier Monate eine entscheidende Wende in mein Leben bringen soll? Ein kurzes Gespräch mit einem Aufnahmearzt lässt mich ziemlich unberührt. Der Abschied von Helga, von Hans und Gabi, seiner Frau, herzliche Worte, Küsse und Drücken, nehme ich wie aus weiter Ferne wahr. Lasst mich in Ruhe, möchte ich schreien. Geht, lasst mich doch hier alleine. Haut endlich ab, ich werde schon alleine fertig! Verschwindet endlich, geht, geht, geht...! Mir ist, als wäre mein Körper mit einer Eisschicht umgeben. Ich spüre nur Kälte. Nichts rührt mich. Alles Gesagte klingt wie aus einem schlechten Lautsprecher, lang und verzerrt.Zögernd nehme ich den letzten Kuss, den Hände und Körperdruck von Helga an. Alle Gefühle rücken immer weiter von mir ab. Ich denke und sehe nicht mehr klar. Es ist als bricht ein riesiges Gewölbe über mir zusammen, genau wie damals beim Herzinfarkt.Ist das dass "Aus". Ein "K.O." wie beim Ringkampf? Mir Mut zurufend und winkend, steigt Helga ins Auto. Sinnend schaue ich hinterher, wirklich sinnend?

Wieder höre ich diese Stimme: "Nun siehst du, endlich bist du hier! Und wie recht ich hatte, sieht es hier nicht viel miserabler aus wie auf der Fahrt vorhin?" Langsam, mit regen- und tränennassem Gesicht und schlotternd, steige ich die sechs Treppenstufen zum Eingang der "3A" hinauf. Sechs Stufen wohin? Sechs Stufen ins Leben?

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